belastung

gestern hatte ich mit meiner mutter telefoniert. ich rufe sie in regelmässigen abständen an, damit sie weiß, dass ihre tochter sich um sie kümmert. und damit ich weiß, ob sie noch ok ist.

wenn elterneteile altern und man als „kind“ wahrnimmt, dass man nun an der reihe ist, sich zu kümmern, das ist ganz schön schwer. für mich jedenfalls. denn meine mama hat ja niemanden, der in ihrer nähe ist, ihr hilft, nach ihr sieht. und sie ist zudem noch so ein dickkopf und lässt sich nicht helfen, also von fremden.

es sind so alltägliche dinge, die sie nicht mehr schafft. den staubsaugerbeutel austauschen z.b.. neulich rief sie an, weil sie ihren beutel wechseln wollte. ihn herauszunehmen, das konnte sie noch, aber den neuen beutel wieder richtig einlegen, da war sie nun überfragt. und ich bin 250 km von ihr entfernt und kann ihr nicht erklären, wie es geht. ich sehe das modell nicht vor mir. habe den kundendienst der herstellerfirma per web kontaktiert, warte aber immer noch auf rückantwort. meine mutter will direkt einen neuen staubsauger kaufen. ich habe ihr abgeraten. auch wenn es eine beutelloser wäre, wird sie vielleicht nicht wissen, wie man den zusammenbaut oder bedient.

nun waren das klo und die badewanne verstopft. ich sehe schon vor mir, wie sie einfach nur dasitzt und nichts tut. dem vermieter mal bescheid geben vielleicht. es ist wirklich das blanke grauen. warum ist meiner mutter so inaktiv? hat sie schon keinen lebensmut mehr?

und sie merkt nicht, was sie schon wieder für einen druck auf mich ausübt. diese belastung, zu wissen, ich muss mich um sie kümmern. und ich fühle mich überfordert mit der situation. ich bin froh, dass ich selber halbwegs mit meinem leben klarkomme. ich wollte auch nie kinder, weil ich mich dazu in der lage fühle, mit der verantwortung umzugehen. ich möchte mich nicht um andere kümmern müssen. das lähmt mich und drückt meine stimmung in den keller. ich bin überfordert. aber sie ist meine mutter. soll sie ich sie ihrem schicksal überlassen?

es ist auch so schwierig herauszufinden, wie es ihr geht. sie sagt wenig, klagt wenig und ich weiß nicht, wie es tatsächlich geht. ich versuche ihr klarzumachen, dass sie sich selber kümmern muss. drohe mit dem pflegedienst, den ich vorbeischicken muss, wenn sie nicht mehr eingenständig genug ist. weil sie das ja auf keinen fall möchte. fremde in der wohnung, oh gott. wobei das eventuelle besser wäre, weil sie sich dann schämt und sich vielleicht mal aufrappelt. denn sie ist noch nicht auf hilfe angewiesen, sie ist nur zu bequem dazu.

sie wirkt auch mich wie eine welkende blume, die immer mehr zusammenschrumpft. und ich weiß einfach nicht, wie ich mich verhalten muss, damit sie wieder mehr kraft und lebenswillen bekommt 😦 ich mache wahrscheinlich genau das falsche. ich war nie gut im umgang mit ihr …

gestern sagte sie einen satz, der mich sehr aufregte. sie sagte, es wäre doch am besten, wenn wir zusammen eine große wohnung hätten … ich habe direkt gesagt, nein, es wird keine gemeinsame wohnung geben, aus bekannten gründen. und dann verbesserte sie sich und sagte, sie habe das anders gemeint, mit seperaten eingängen und so. tolle ausrede. eine gemeinsame wohnung mit seperaten eingängen? aber ich weiß, was sie sich wünscht. ich habe ihr auch erklärt, das ich nicht ständig alles für sie machen könne, würde ich wieder in ihrer nähe wohnen.

und wieder habe ich dieses scheiss gefühl der verantwortung. vor der ich mich vor ein paar jahren erfolgreich etwas gelöst hatte. weil ich hierhergezogen bin. ich dachte, die distanz würde meiner mutter guttun. damit sie sich nicht immer auf ihre kinder verlässt. selbständig probleme löst und nicht immer diese tonnenschwere last auf mich ablädt. ich kann kaum meine probleme lösen. es ist zuviel.

beim zahnarzt war sie wohl auch noch nicht, sonst hätte sie es erzählt. seit bestimmt schon mehreren wochen kann sie ihr gebiss nicht mehr tragen, es drückt und ein stift im oberkiefer ist locker, der hatte sich wohl entzündet. aber anstatt sofort einen termin zu machen, dass man das richtet, läuft sie die ganze zeit ohne gebiss herum.

ich glaube wirklich nicht, ob sie schon so alt ist, dass sie das alles nicht mehr kann. sie braucht irgendwas, um wieder aufzublühen. sofern man das bei meiner mama sagen kann, denn sie war ja immer schon etwas schwierig und depri und so. ich wünsche mir immer so sehr, reich zu werden, damit ich meiner mutter noch ein paar schöne jahre ermöglichen kann. mit viel geld kann man ganz schnell eine schöne wohnung finden, diese dann nett einrichten, und am besten mit mama ein paar reisen unternehmen, damit sie noch ihre träume endlich erfüllt bekommt. nach paris (sie wird enttäuscht sein) und zu weihnachten nach norwegen (sie wird erfrieren) und keine ahnung, was sie sich noch alles wünscht. ich glaube, wenn man älter wird, traut man sich nicht mehr zu träumen und seine wünsche zu erfüllen. ich weiß nicht, was sich meine mutter noch vorstellt. außer, dass ich mit ihr zusammen wohne. aber das kann ich ihr leider nicht erfüllen. ich bin schon ein stück weiter gegangen in meinem leben und möchte nicht mehr an diesen punkt zurück, von wo ich vor jahren fortgelaufen bin.

wenn ich dann auch noch an meine probleme hier denke, an meine verkorkste beziehung, die wohl nie ein richtige war, habe ich machmal angst, irgendwann durchzudrehen. meine mama fragte mich gestern, ob ich mich einsam fühle, wenn mein ex nicht da ist (er war gestern auf einer demo und dann noch auf einer geburtstgsfeier). und ich sagte: nicht besonders. und wenn, ist es auch in ordnung, ich muss mich schließlich wieder ans alleinsein gewöhnen. und dann sagte ich noch: man kann sich auch alleine fühlen, wenn jemand neben einem sitzt …

wenn ich wenigstens mein altes zimmer noch hätte, um ab und zu zu meiner mama zu fahren, um nach dem rechten zu sehen. aber sie sagt inzwischen immer, da könne man gar nicht mehr schlafen. keine ahnung, was sie da alles reingestellt hat. ich kann mir doch kein hotel leisten, um sie zu besuchen. das funktioniert so nicht.

manchmal wünsche ich mir, dass mein bruder auch mal einen part übernimmt, um sich um mama zu kümmern. nur weil er weiter weg wohnt, muss ich das nicht alleine tun, oder? aber ihm geht es ja nicht besser, er fühlt sicher auch den druck, den unsere mutter immer unbewusst auf uns ausübt. und da wir alle in einem anderen bundesland leben, ist es nicht so einfach, mal zusammen ein lösung zu finden, wie wir meiner mutter helfen können.

so kann es jedenfalls nicht weitergehen. sie wird immer mehr abbauen und irgendwann total verkommen. das will ich nicht. aber ich weiß nicht, ob ich diese doppelte belastung ertragen kann.

2 Gedanken zu “belastung

  1. Das alles erinnert mich sehr an meine Schwiegermutter. Wirklich, genau dasselbe. Und auch sie wollte nie einen Pflegedienst, weil keine Fremden ins Haus sollten, weil sie ja Messie war und überhaupt ständig Angst hatte, dass sie beklaut wird. Dann wurde sie gezwungen einen Pflegedienst zu akzeptieren, der zwei Mal die Woche kommt und ihr mit dem Putzen hilft und auch mal kocht. Und siehe da… sie hat sich auf diese Besuche gefreut, denn dann war jemand da zum Quatschen, jemand, der sie aus ihrer Lethargie gerissen hat. Dann plötzlich ging sie mit auf Bustouren, zu Veranstaltungen… und einmal im Jahr, über die Weihnachtsfeiertage und Silvester, ging sie (freiweillig!) in Kurzzeitpflege um dort Weihnachten zu feiern…

    Ich kenn ja nun deine Mutter nicht, aber vielleicht brauchts genau so einen Anstoss? Gibts denn sonst niemanden, der sich kümmern könnte, eine Nachbarin, die ab und zu mal nach ihr schaut?

  2. @ sanne:
    ich würde sie am liebsten auch zwingen, denn wenn sie sich erst mal daran gewöhnt hat, findet sie es vielleicht sogar ganz nett, wenn da regelmässig jemand vorbeikommt. sie freut sich nämlich auch, wenn sie mal mit jemandem quatschen kann. aber ich bringe das nicht übers herz. noch nicht.

    ihre schwester wohnt ja ganz in der nähe, aber zu ihr möchte sie keinen richtigen kontakt, wenn die tante anruft, geht sie nicht ran … die ist aber auch nicht geeignet für sowas, da sie ohnehin viel für andere macht, aber nur auf das geld und ihre vorteile aus ist. dann lieber richtiges pflegepersonal, die wissen, was zu tun ist (und wann man wieder gehen sollte).
    die nachbarn sind leider auch nicht zu gebrauchen, da kennt sie niemanden näher. ist schwierig.

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