in heaven II

gestern nachmittag: als ich bei dana und rainer zur tür reinkomme, steht keine katze zwischen seinen füssen, wie es sonst immer der fall war. kurze begrüssung und ein blick in die traurigen gesichter der beiden, dann begrüsse ich die kleine. sie liegt in ihrer ecke auf dem sofa. und als sie mich sieht, versucht sie aufzustehen und setzt sich sogar hin. obwohl sie dass die letzten stunden überhaupt nicht mehr getan hat, wie ich erzählt bekomme. sie freut sich wohl auf meinen besuch, versucht all ihre kräfte zusammenzunehmen. aber ihr körper ist so schwach, dass sie schon bald wieder auf die seite kippt und liegen muss. mir kommen die tränen. sie leidet darunter, dass sie nicht mehr aufstehen und herumlaufen kann. die frisst seit zwei tagen nichts mehr und trinkt auch nicht. stattdessen schmatzt sie immer wieder mit dem mäulchen, so als ob ihr mund total trocken ist.

die beiden sehen schon sehr verheult aus, und nun geselle ich mich als dritte heulsuse dazu. fange mich irgendwann vorerst wieder, als rainer zum supermarkt unterwegs ist und dana im arbeitszimmer ihre emails checkt. ich sitze bei wild thing und summe ihr leise etwas vor. manchmal will sie aufstehen, schafft es aber nicht, ihre schritte sind wacklig und strengen sie zu sehr an. man muss ständig bei ihr sein, weil sie sonst versucht aufzustehen und vom sofa fällt. wenn sie es versucht, maunzt sie, es passt ihr nicht, dass sie nicht mehr laufen kann. auf’s klo kann sie auch nicht. einmal macht sie im liegen einfach pipi auf das handtuch.

ich biete ihr doch noch mal was zu trinken an, sie tunkt genau einmal ihre zunge rein, mir zuliebe? und dann frisst sie sogar 3 brocken von futter, dass ich ihr geduldig unter die nase halte. dana und rainer können es kaum fassen. die tierärztin meinte später, sie wollte sicher zeigen, dass sie sich über meinen besuch freut. leider bringen sie diese winzigen brocken auch nicht wieder zu kräften. und wieder knickt sie nach zwei oder drei schritten ein, wenn sie versucht, vom sofa aufzustehen. so sehr wir an dem tier hängen, man tut ihr damit keinen gefallen. für mich war sie schon vor zwei wochen fast reif für die erlösende spritze. dass die besitzer natürlich mehr mit dieser entscheidung zu kämpfen haben, ist klar.

sie riefen dann die tierärztin an und fragten, ob sie vorbeikommen könne, um wild thing anzuschauen. als entscheidungshilfe und natürlich auch für den fall der fälle.  wollten auf keinen fall, dass sie noch in die praxis muss. die TA kam dann auch kurz vor 20 uhr, mit assistentin. ein blick ins maul und sie sagten sofort: endstadium. das zahnfleisch war schon offen, was bei nierenversagen das zeichen dafür ist. der körper vergiftet sich ja immer mehr, trotz infusionen. deswegen auch das „schmatzen“, weil es ihr wehtut. die kleine lag ganz ruhig da, liess alle letzten untersuchungen über sich ergehen, als ob sie wusste, was ihr blüht… sicher nur die schwäche, aber sie sah wirklich so aus, als ob sie bescheid wüsste. die TA leuchtete ihr mit einer taschenlampe in die augen und meinte, sie habe gar keine pupillenreflexe mehr. sie guckt auch nur noch ins leere, starrt vor sich hin.

nach einer längeren unterhaltung sind wir uns alle einig, dass es keine andere möglichkeit mehr gibt. bestätigende blicke und ein nicken allerseits. ein letztes mal die kleine in den arm nehmen und tschüss sagen. „gute reise“ flüsterte ich ihr ins ohr, ganz ohne tränen, denn sie soll sich nicht füchten. die anderen beiden heulen natürlich schon, und während die TA die spritze aufzieht, ewig lang nach einer vene am pfötchen sucht, weil da einfach nichts mehr ist, ein häufchen haut und knochen, kann ich dana und rainer in tränen ausbrechen sehen. ich heule kollektiv mit, auch wenn ich das ganze wirklich als erlösung sehe.  das „einschlafen“ geht schnell, sehr schnell. es vergehen nur sekunden, bis das kleine herz aufhört zu schlagen. als ich dann nochmal meine hand auf ihren körper lege, ist da nichts mehr. kein leben. ich habe noch nie einem lebewesen beim sterben zugesehen. ich denke nur immer wieder, sie hat es hinter sich. keine schmerzen mehr, keinen durst, keinen hunger, keine schwächeanfälle.

als die TA und ihre begleitung weg sind, umarmt mich rainer, wir umarmen uns alle, weinen und trösten uns.

ich streichle sie noch den ganzen abend, um ihr zu zeigen, dass sie nicht allein ist. ich weiss, sie kann diese berührungen nicht mehr spüren. ich mache es trotzdem, vielleicht spürt ihre seele, ihr geist etwas davon. je länger ich sie ansehe, desto mehr sieht sie aus wie ein stofftier, oder ein ausgestopftes tier. keine bewegung, kein atmen. sie kühlt ab. und wird auch langsam steif. das geht doch recht schnell. einmal nimmt dana sie auf den arm, rennt mit ihr durch die wohnung und weint laut „mein baby, mein baby“. ich dachte, sie dreht gleich durch. der babyersatz ist tot. sie wollte immer kinder haben, und die katzen sind der ersatz. rainer sagte, er habe seine beste freundin verloren. und weil sie nicht mehr ist, wäre ich jetzt seine beste freundin. er sagt das vor seiner lebensgefährtin. sehr feinfühlig. genauso feinfühlig, wie die szene, die ich mitbekommen musste: er will dana umarmen, sie trösten, als sie mit wild thing durch die wohnung tigert, und sie dreht sich weg und sagt „lass mich“. er steht hilflos da. ich habe schon mehrfach zusehen müssen, wie die beiden manchmal miteinader umgehen.

eine weile heult keiner mehr, wir lachen sogar mal wieder zwischendrin, wenn wir uns lustige dinge über wild thing erzählen. galgenhumor? für mich ja und nein. ich bin erleichtert, dass die kleine es überstanden hat. sie hatte keinen spass mehr. und ich hatte den ganzen abend das gefühl, sie will erlöst werden. und wie ruhig sie war, während die einschläferung vonstatten ging, als wenn sie uns damit sagen wollte „es ist ok, danke dass ihr mich erlöst“. man interpertiert als mensch natürlich viel zu viel in die gesten einer katze hinein, aber ich bin sicher, tiere sind nicht dumm, und sie merken sehr wohl, was abgeht. auch wenn sie nicht weiss, dass da jetzt jemand mit einer spritze kommt, von der sie für immer schlafen wird.

drei stunden nach ihrem tod und mit höllischen kopfschmerzen verabschiede ich mich. den vorschlag von dana, über nacht hierzubleiben, lehne ich ab. ich brauche abstand, muss erstmal raus aus der wohnung und ich finde, die beiden sollten auch nochmal allein mit der katze sein, um für sich abschied zu nehmen.

im bett kommen die bilder wieder, von der todesspritze, die katze, wie sie immer versucht hat, aufzustehen… und ich heule mich in den schlaf, denke immer wieder, es ist gut so, es gibt keinen grund, traurig zu sein…

2 Gedanken zu “in heaven II

  1. Bei dem Text kamen mir die Tränen… 😦
    Musste da wohl auch an meinen Kater Tommy denken, der vor 11 Jahren eingeschläfert wurde. Bei einem Kampf gegen einen Hund (das hat der sehr gern gemacht), wurden Nerven in der Wirbelsäule verletzt. Sein Schwanz war gelähmt sowie sein gesamter Verdauungstrakt. Mit letzter Kraft kam er nach Hause und brach vor unseren Augen zusammen. Einen Tag später wurde er eingeschläfert. Meine Eltern wollten nicht, dass ich dabei bin. Aber meine Mutter erzählte mir, dass Tommy aufhörte zu jammern, als der Tierarzt mit der Spritze auf ihn zukam. Er schloss die Augen und fing sogar an zu schnurren. Jedes Mal wenn ich an diese Worte denke, muss ich heulen. Auch wenn es echt schon ewig her ist. Tommy war halt nicht einfach ein Kater. Er war mein Kater.

  2. hast du von tommy auch fotos? würde ich gerne mal sehen.

    und sei froh dass du nicht dabei warst, dana und rainer sind fast zusammengklappt, als es passierte. und ich weiss noch nicht, was es in mir auslösen wird, diese erfahrung, ich glaube, das kommt erst in ein paar tagen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s